Wir steuern auf eine sogenannte Context Economy zu. Und dort gelten ganz andere Gesetze, als dies im bisher bekannten, konventionellen Web der Fall war.
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Nutzer googelt auf seinem iPhone nach einem bestimmten Restaurant in seiner Stadt. Er bekommt die üblichen Resultate und der Vorgang ist erst einmal abgeschlossen. Nun ist dieser Nutzer neben seinem iPhone aber auch noch stolzer Besitzer eines Samsung Galaxy Nexus 7 Tablet (Verkausstart seit wenigen Tagen in Deutschland direkt über Google Online Shop) mit dem brandneuen Android Jelly Bean 4.1 drauf. Dieses benutzt er wenig später und traut seinen Augen nicht: Alle Informationen zu besagtem Restaurant, die er vor kurzem auf seinem iPhone gesucht hatte, werden ihm jetzt, ohne dass er daran gedacht hätte, auf seinem Nexus präsentiert. Umfangreich aufbereitet, ergänzt und extrem nützlich.
Der Schlüssel zu diesem Vorgang liegt in ‘Google Now’, welches mit Jelly Bean erstmals ausgeliefert wird. Es ist wahrscheinlich das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der Google gerettet hat. Es ist die Macht des Kontext. Ohne es zu bemerken tragen wir unsere Smartphones überall mit hin. Diese Tatsache bietet Google (und Apple, sofern sie davon Gebrauch machen) viele Gelegenheiten zur Auslieferung Kontext bezogener Informationen. Die nächsten fünf Jahre wird der Begriff ’context’ wohl der Wichtigste überhaupt werden. Unser Smartphone speichert viele Dinge über uns. Bis vor wenigen Wochen waren dies aber noch relativ nutzlose Informationen. Unser Phone kennt unseren Standort, die Tageszeit, unsere Bewegungen und vieles mehr. Mit dieser Datensammlung kann es damit beginnen, gewisse Verhaltensmuster des Nutzers zu erkennen. Wohin er geht, welche Wege er benutzt, wann er den Ort verlässt. Was er sieht und hört und wie er darauf reagiert. Das Gerät kann dann damit beginnen, unaufgefordert Fragen zu stellen. Ob z. B. dieser oder jener Ort für uns von Bedeutung ist oder was wir damit verbinden. Sobald das Smartphone anfängt, diese Verhaltensmuster zu erkennen, kann es eine Menge nützliche Dinge tun:
- Es kann Verkehrsmeldungen liefern
- Es kann daran erinnern, was in der Nähe, wo man sich gerade befindet, noch erledigt werden könnte
- Es könnte daran erinnern, dass bald getankt werden muss und wo sich die nächste (vielleicht zu diesem Zeitpunkt günstigste) Tankstelle befindet
- Es kann Freunde informieren, wie weit Sie noch entfernt sind
- Und natürlich könnte es Ihnen auf den Punkt relevante Angebote senden
Diese Art Kontext bezogener Powersearch hat Google in seinen neuesten Service ‘Google Now’ integriert. Und plötzlich bekommen einige seltsame Dinge, die Google in letzter Zeit gemacht hat, einen völlig neuen Stellenwert. Google sah sich schweren Kämpfen an wenigstens zwei Fronten ausgesetzt. Dabei war das größte Problem die Art und Weise der Indexierung. Diese ist gewissermaßen fundamental zerbrochen. Über 13 lange Jahre waren die Grundpfeiler der Anker Text und die Seiten, die auf diesen zeigten. Alles war vollkommen nachvollziehbar, da die Navigation im Web ausschließlich über Links funktionierte. Dann kamen Facebook und Twitter und haben die Spielregeln geändert. Die Einzigen, die heute noch Links generieren, sind die traditionellen Medien, die Digerati und die Spammer. Kein einziger realer Mensch, der eine Meinung hat und Seiten mag, generiert einen Link. Menschen drücken den Like Button, setzen ein Retweet ab oder benutzen einen Hashtag. Aber sie generieren keinen traditionellen Link im eigentlichen Sinn.
Traurig daran ist, dass die meisten Links, die heute in der Welt produziert werden, ausschließlich dafür da sind, Rankings im SEO zu verbessern. Als Folge davon wurden die Resultate in den Ergebnissen von Google immer schlechter. Und Google hat dies seit Jahren kommen sehen. Dort weiß man genau, um heutzutage relevant zu bleiben, braucht es wirkliche soziale Signale von echten Personen. Diese sind bei weitem wichtiger als ein Link, der irgendwo in der Welt generiert wurde.
Google ist von den beiden bedeutendsten Indikatoren, was echte Menschen mögen und was sie intersssiert, völlig ausgeschlossen. Facebook hat Google niemals seine wertvollsten Daten überlassen (obwohl Bing Zugang zu diesen hat). Und in den vergangenen zwölf Monaten hat Twitter seinen Echtzeit Feed zu Google kontinuierlich abgeschaltet. Google hielt dagegen und hat sein eigenes “soziales Netzwerk” – Google+ – erschaffen.
Wohl jeder dachte sich dabei, dass Google sein eigenes soziales Netzwerk hochzieht, um mit Facebook oder Twitter gleich zu ziehen. Das ist aber nicht der Fall. ‘Google Now’ zeigt nun deutlich, was dahinter steckt.
Um dies weiter auszuleuchten, sollte man sich vorher noch folgenden Sachverhalt klar machen: Smartphones und mehr noch, Apple’s Siri machen Google immer mehr zu schaffen. Schon vor Erscheinen des iPhone wusste man dort, was die Stunde geschlagen hatte. Wenn Apple eines Tages mit Hilfe dieser ganz persönlichen Mobilgeräte den Schlüssel zur Suche in der Hand halten würde, dann wäre Google wohl Geschichte. Und das war wirklich die richtige Vermutung. Denn heute wissen wir, dass Smartphones auf dem besten Wege sind, Desktops und Notebooks als primäre Computer abzulösen.
Zu Weihnachten 2013 dürften bereits die Hälfte aller Suchanfragen über Smartphones abgesetzt werden. Deshalb hat Google frühzeitig Android hervorgebracht. Nur um sicher zu stellen, dass es eine Alternative zum iPhone gibt. Google musste diesen Schachzug unternehmen. Und das hat Google wohl auch gerettet. Betrachtet man Android isoliert, verdient Google damit keinen Cent. Aber, um damit Smartphones unter die Leute zu bringen, war es ein voller Erfolg.
Und trotzdem machte dies alles bis zum Auftauchen von Google Now nicht richtig Sinn. Als Apple Siri auf den Markt brachte, war dies auch der Beginn eines Konzeptes, Informationen in hoher Qualität und Kontext bezogen aufzubereiten. Es ist eben wesentlich einfacher, eine Frage zu stellen als diese umständlich in ein Smartphone zu tippen. Und obwohl diese Technologie noch weit vom Status ‘perfekt’ entfernt ist, so markiert sie doch schlichtweg die Zukunft.
Vor nicht allzu langer Zeit war Google nicht nur vom lukrativen Smartphone – Markt (iPhone) abgeschnitten, sondern auch von allen Signalen, von denen es abhängig war. Alles, was bisher Google zur besten Suchmaschine der Welt gemacht hatte, löste sich in Luft auf oder noch schlimmer, wurde auf breiter Basis manipuliert. Google war eigentlich tot. Man hatte es nur noch nicht bemerkt.
Und während neuerdings alles auf ’Google Glasses’ starrt, das schicke Zukunftskonzept mit den eingeblendeten Infos auf einer Benutzerbrille, spielt die Musik hier und jetzt auf ‘Google Now’. Mit Google+ konnten sich bis jetzt die meisten nicht so richtig anfreunden. Als soziales Netzwerk bringt es einfach nicht viel. Warum sollte Otto Normalverbraucher Faecbook verlassen, um Google+ zu nutzen? Lediglich für die Digerati war es natürlich genau das, wonach sie suchten. Weil es eben NICHT Facebook ist und man dort eher unter sich ist, ohne das Gedöns eines gewöhnlichen, sozialen Netzwerkes. Und das ‘unglaubliche Wachstum’ von Google+ rührt deshalb wohl auch eher daher, weil man beim SignUp für irgendeinen Google Service sofort automatisch auch auf Google+ ist.
Aber sei’s drum. Google hatte sein Augenmerk eh auf ein weitaus größeres Ziel gerichtet. Deshalb ist Google+ kein soziales Netzwerk. Google+ IST Google. Denn für ein soziales Netzwerk wäre allein schon der Name ziemlich bescheuert. Aber der Name ist perfekt für ein erweitertes Kontext- und Informations bezogenes Netzwerk, welches genau weiß, was ein Mensch wissen muss, bevor dieser überhaupt weiß, dass er es wissen sollte.
Als nächsten Schritt musste man nur alles verbinden. Google hat unterdessen neue Datenschutz Richtlinien herausgegeben, die es ermöglichen, alle Daten unter Google’s eigenen Diensten auszutauschen. Von YouTube zu Reader, von Gmail zu Kalender, Von Suche zu Restaurant – Bewertungen, von Übersetzungen zu Google Maps. Zum ersten Mal konnten alle diese Informationen zusammengesetzt und ausgewertet werden. Und während alle dachten, es ginge dabei um irgendwelche Grabenkämpfe zum Datenschutz, hat Google im Hintergrund geplant, mit all diesen Zutaten ‘Google Now’ zu entfesseln. Niemand hatte sich je gefragt, wozu Google in der Lage wäre, wenn es all diese Informationen in einem Pool zusammenführt. Diese Technologie würde ziemlich sicher beeindruckend sein.
Und genau deshalb wird Google Now wohl eine feste Größe werden. Sprechen kann jeder, tippen nicht. Und ein Mobilgerät kann damit schon vorhersehen, was sein Nutzer beim nächsten Schritt vielleicht braucht. Aber um eine ältere Technologie durch eine neuere abzulösen, muss diese immer wesentlich einfacher zu bedienen sein, als ihre Vorgänger. Google Now hat im Vergleich zu Siri einen wesentlichen Vorteil. Es arbeitet weitaus zuverlässiger. Und kennt die Gewohnheiten seines Anwenders besser als alles, was bisher zur Verfügung stand. Google+ generiert genügend soziale Signale, damit Google weiß, was wichtig für den jeweiligen Nutzer ist. Und ist damit gut gerüstet, um in den restlichen Jahren der laufenden Dekade im Bereich Suche relevant zu bleiben.
Für die lokale Suche bedeutet dies, dass Geschäfte verstärkt darauf achten sollten, wie z. B. ihr Auftritt in Google+ Local beschaffen ist. Die regelmäßige Aktualisierung und Überwachung aller dort gelisteten Informationen ist zukünftig ein essentieller Bestandteil der laufenden Pflege. Nur so kann sicher gestellt werden, dass auch wirklich die Daten in die Suche einfließen, welche zu einem besseren Auffinden und einer besseren Wahrnehmung der Location führen. In der aufkeimenden Kontext – Ökonomie bedarf es eines ausgeklügelten Mix an Interaktivität mit Kunden und weitreichender Listung in einschlägigen Verzeichnissen, um von Google Now entsprechende Empfehlungen zu bekommen.
Ausgangspunkt ist dabei immer das Smartphone. In der Android Welt wird Google Now dominieren, beim iPhone ist es Siri und man darf gespannt sein, was sich in der Welt von Windows Phone 8 alles zutragen wird. Und dann ist da ja noch die Ankündigung des Facebook Phones für nächstes Jahr. Aber wie gesagt, alle Wege führen nach Phone.


